Ghana-Tagebuch Teil 11: Der fast normale Wahnsinn

Nach dem Mittagessen, das sehr lecker gewesen ist, wollen wir aufbrechen, um Bismark zu besuchen, einen meiner Internetfreunde, der nicht weiß, dass ich nach Ghana gekommen bin.

Kofi geht hinaus auf die Straße, um ein Taxi anzuhalten. Ich will hinterher, aber die Mutter hält mich zurück und meint, ich solle noch warten. Hinter einer Mauer verborgen beobachte ich, wie Kofi mit dem Taxifahrer verhandelt. Irgendwann winkt er mich zu sich und wir steigen unter den überraschten Blicken des Fahrers in den Wagen. Kofi erzählt mir später, dass die Fahrer wesentlich mehr Geld verlangen, wenn Weiße mitfahren. Da der Preis aber generell vor Antritt der Fahrt ausgehandelt wird, kann der Fahrer nun nichts mehr einwenden.

Auf der Fahrt erfahre ich von Kofi, dass Bismark seit zwei Jahren verheiratet ist und inzwischen zwei Kinder hat. Ich bin verblüfft, denn Bismark tut immer sehr verliebt, wenn wir chatten. Diese Chats sind eine echte Herausforderung, denn seine schriftlichen Englischkenntnisse sind rudimentär. Trotzdem mag ich ihn. Seine unbeholfene Art, mit der er sich online bewegt und dabei kein Fettnäpfchen auslässt, macht ihn irgendwie sympathisch. Mir erzählte er, dass er unbedingt eine Europäerin als Frau nehmen wolle, da die einheimischen Frauen nicht das Richtige für ihn seien. Ich konnte ihm schriftlich nicht plausibel erklären, warum er, ein Klempner mit einem Verdienst von ca. 60 Euro monatlich, nicht der Traumprinz einer Europäerin ist. Ich hätte ihn vor den Kopf gestoßen und das wollte ich nicht.

Bismark wohnt in einem Dorf am Rande von Accra. Das Taxi hält vor der Siedlung, die nur aus wenigen Hütten besteht. Wir steigen aus und gehen auf zwei Männer zu, die sich am Straßenrand unterhalten. Einer der beiden dreht sich zu uns um, sieht mich und vor Schreck fällt ihm alles aus dem Gesicht. Hätte Bismark eine hellere Haut, dann wäre er bleich geworden. Er sieht so überrascht aus, dass ich grinsen muss. Nachdem wir uns begrüßt haben, hat auch Bismark seine Fassung wiedergefunden und wir gehen gemeinsam Richtung Dorf. Als wir die kleine Hütte betreten, sehe ich eine junge, dralle Frau mit einem Baby an der Brust und einem Kleinkind zu ihren Füssen. Sie schreit auf, reißt das Kleine an sich und flüchtet mit beiden Kindern an uns vorbei ins Freie. Ich sehe ihr erstaunt hinterher. Sie hätte doch bleiben können, ich bin doch kein böser Geist.

Die Hütte besteht aus einem einzigen Raum. Ein riesengroßes Bett, in dem die ganze Familie Platz findet, nimmt den größten Teil des Raums ein. Das restliche Mobiliar besteht aus einem Wandschrank, einer mottenzerfressenen Zweisitzer-Couch, einem Tisch und einigen Stühlen. Überall liegt Wäsche und anderes Zeugs rum. In einem der Regale steht ein Flachbildschirm-Fernseher, darunter ein verschlossenes Kabinett, das Bismark öffnet, um ein Laptop herauszuholen, dass er mir stolz zeigt und erwähnt, dass er mit diesem Gerät immer mit mir chattet.

Ich möchte eigentlich nur raus aus der Hütte. Es ist mir unangenehm, hier unerwartet eingedrungen zu sein und die junge Frau verjagt zu haben. Also verlassen wir die Hütte, wobei ich mich im Stillen wundere, wo die Familie kocht, badet und ihre Notdurft verrichtet.

Da die beiden mir die Gegend zeigen wollen, marschieren wir los, Bismark vorneweg, ich in der Mitte und Kofi als letztes. Noch im Dorf treffen wir auf eine Gruppe von Männern, die uns herzlich begrüßt. Mit einem von ihnen tausche ich ein paar nette Worte und Höflichkeitsfloskeln aus.

Als wir wieder unter uns sind und im Gänsemarsch weiterlaufen, erzählt Bismark, dass der Mann, mit dem ich mich eben so nett unterhalten habe, einen richtig dicken und teuren Wagen fahre, finanziert durch „Internet-Jobs“. Alle anderen Dorfbewohner würden ihn um sein luxuriöses Auto beneiden und in der Gemeinschaft genieße er ein hohes Ansehen. Kofi fügt hinzu, dies sei hier der fast normale Wahnsinn. Im Dorf gehe der Mann seinem normalen Tagesablauf nach und sei sehr beliebt, aber im Cyberspace kenne er kein Mitgefühl.

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