Ghana-Tagebuch Teil 12: Besuch auf Fredericksgave und mit dem Trotro durch die Nacht

Wir laufen etliche Kilometer, am Wegesrand steht eine Frau mit einem großen Kessel gekochter Maiskolben und mit Kokosnüssen. Wir bekommen Appetit und die Frau packt je einen Kolben und ein Stück Kokosnuss in eine Klarsichttüte, so wie bei uns die Frühstücksbeutelchen und verkauft uns die Tütchen. Wir gehen weiter und nachdem meine beiden Begleiter ihren Snack verzehrt haben, werfen sie die Tüten auf den Boden. Ich frage, warum sie das tun und das Plastik nicht mitnehmen und zuhause in den Müll werfen. Die beiden sind sichtlich verwirrt und wissen erst gar nicht, was ich ihnen sagen will. Dann meinte Bismark: „Das machen hier alle so.“ Ich frage nicht weiter und stecke mein Tütchen in die Hosentasche. Ich werde es heute Abend im Hotel wegwerfen. Aber was wird das Hotel damit machen, wenn ich es dort im Zimmer in den Abfalleimer werfe? Wo landet es dann? Gibt es sowas wie eine Müllabfuhr, die den Müll abholt oder eine Art Sammelstelle?

Wir wandern weiter und kommen zu Frederiksgave, einer Versuchsplantage der dänischen Krone aus dem 18. Jahrhundert. Heute ist es ein Museum, leider hat es geschlossen, da Sonntag ist. Wir schauen uns um und treffen auf einen Mann, der sich in der Nähe niedergelassen hat. Es ist der der Museumswächter und -führer. Wir bestechen ihn und erhalten dafür eine exklusive Führung. http://www.frederiksgave.org/History.htm Das Museum beschäftigt sich unter anderem mit dem Sklavenhandel jener Zeit, der von den Europäern betrieben wurde. Im 18. Jahrhundert sollen allein aus der Goldküste (Ghana) 600.000 Sklaven exportiert worden sein.

Kofi erzählt mir, dass die jungen Leute in Accra diesen Teil ihrer Geschichte sehr genau zur Kenntnis nehmen. Sie fühlen sich immer noch ausgebeutet und abgeschottet vom Westen und die 419er suchen und finden hier die vermeintliche Rechtfertigung für ihr Tun.

Mir tun die Füße weh, ich bin es nicht gewohnt, so weite Strecken zu laufen und wir haben schon wieder Hunger, der Maiskolben hat nicht lange vorgehalten. Wir halten ein Taxi an. Autofahren in Ghana ist abenteuerlich, aber die Taxis sind der Hit, sie  sind teilweise in einem so schlechten Zustand, dass sie in Deutschland sofort stillgelegt werden würden. Kaputte, gesplitterte Frontscheiben, nicht funktionierende Tachos, Anschnallgurte kaputt. Einen TÜV gibt es hier nicht und die Polizei interessiert sich nicht dafür.

Wir fahren zu einem netten, hochwertigen Restaurant mit westlichem Standard. Bismark verkündet stolz, dass die Fliesen, auf denen wir stehen, von ihm verlegt wurden. Wir futtern uns satt. Ich bekomme Besteck vorgelegt, meine Begleiter essen, wie hier üblich, mit der Hand. Vor dem Essen erhält sie jeweils eine Schüssel mit Wasser, Seife und Handtuch an den  Tisch, um sich die Hände zu waschen. Ich bestelle mir ein Reisgericht – es ist ultrascharf, so wie ich es liebe. Die Rechnung wird von mir beglichen, meine Begleiter können sich einen Besuch in so einem Restaurant normalerweise nicht leisten und ich sehe, wie sehr sie es genießen, mit mir hier zu sein.

Kurz nach 18 Uhr dämmert es draußen für eine kurze Zeit, dann geht das Tageslicht aus. Als wir das Restaurant verlassen und uns von Bismark verabschieden, ist es stockduster. Gestern noch haben mir die Menschen in der Dunkelheit ein mulmiges Gefühl beschert. Heute laufe ich durch die Nacht und an den offenen Feuern vorbei, als wäre es das Normalste auf der Welt. Weiter geht’s im Trotro, einem Kleinbus, der das bevorzugte Verkehrsmittel der Einheimischen ist. Mit dem ersten Trotro fahren wir zu einer Art Trotro Sammelstelle. In diesen Kleinbussen sitzt man so dichtgedrängt, dass der Anstands-Abstand nicht mehr gewahrt werden kann. Ich sitze eingequetscht zwischen den Leuten und ich finde es lustig. Die Männer, an die ich sozusagen wegen der Enge gequetscht werde,  sind praktisch paralysiert und fallen in eine Art Starre. Es kommt wohl nicht so oft vor, dass Weiße mitfahren.

An dem Trotro Sammelplatz herrscht unglaubliche Hektik. Menschen über Menschen, alles schreien durcheinander, Dunkelheit, Pfützen und wir hasten durch diesen Wahnsinn. Wie Kofi das Anschluss-Trotro findet, ist mir ein Rätsel. Ohne ihn wäre ich verloren. Das Trotro ist übervoll. Für mich ist nur noch Platz ganz vorne zwischen Fahrer und Beifahrer. Und dann geht es auf der Schlaglochpiste durch die Nacht. Ich komme mir vor wie auf einer Buckelpiste bei den Skifahrern. Komplett durchgeschüttelt kommen wir im Hotel an.

Als ich mein Zimmer betrete, sehe ich es mit ganz anderen Augen als gestern Abend. Ich gehe ins Badezimmer und fühle mich wie die britische Queen höchstpersönlich. Nach dem Besuch bei Kofi und Bismark zuhause, kann ich mich über dieses überaus luxuriöse Hotelzimmer nicht mehr beschweren. Die Dusche ist himmlisch und ich brauche lange, bis ich mir den hartnäckigen afrikanischen Staub aus den Poren geschrubbt habe.

Der erste Tag endet mit dem Gefühl, ich sei bereits seit einer ganzen Woche in Ghana, so viele Eindrücke sind auf mich eingestürmt. Jetzt will ich nur noch ins Bett und schlafen.

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