Ghana-Tagebuch Teil 5: Am Flughafen

Jetzt sitze ich im Taxi, das durch das nächtliche Accra kachelt und dessen Fahrer wie ein Wahnsinniger ständig auf die Hupe drückt. Oh je!

Im Flughafengebäude hatten sich die Probleme von selbst gelöst. Ich versuchte Kofi anzurufen, aber aus dem Handy tönte nur eine blecherne Stimme: „The person you’ve called is temporarily not available.“ Ich sah mir mein Umfeld genauer an. Ich war der Meinung, mich in der Nähe der Ausgangstür zu befinden. Bei genauerem Hinsehen wurde mir aber klar, dass dies gar keine Tür, sondern nur ein großes Fenster war, das fast bis zum Boden reichte. Die nachfolgenden Passagiere hasteten an mir vorüber, bogen zielstrebig vor dem Fenster rechts ab und verschwanden hinter der nächsten Ecke.

Ich hatte mir selbst einen Streich gespielt. Statt mit den anderen Passagieren weiterzugehen, war ich an diesem Meetingpoint hängen geblieben, der, wie ich nun ahnte, nur einen Treffpunkt für Gruppenreisende darstellte.
Himmel, ich darf niemandem erzählen, dass ich mich auf einem Weg verirrt habe, auf dem es nur vor oder zurück geht. Dann halten mich alle für völlig vertrottelt.
Ich wünschte dem jungen Mann, der so geduldig bei mir ausgeharrt hatte, einen guten Abend und schloss mich den anderen Passagieren an. Ein Durchgang führte in die Ankunftshalle. Viele wartende Menschen standen hinter einer langen Absperrung.

Ich trat in die Halle und alle Augen richteten sich auf mich. Unzählige Arme reckten sich mir entgegen, in den Händen hielten sie Pappschilder und Zettel.
Yeah, ich bin ein Superstar! Und dies sind meine Fans, die mir ihre Autogrammzettel entgegenstrecken. Wow, cool! Aber wo ist der rote Teppich und das Blitzlichtgewitter?
Huldvoll lächelnd schritt ich anmutig an der Absperrung entlang – bis ich etwas ungrazil stolperte und wankend in die Wirklichkeit zurückkatapultiert wurde.

Auf den Schildern, die mir entgegengehalten wurden, standen Hotelnamen, Ortsnamen und Namen von mir unbekannten Personen. Ich blickte über die Menschen hinweg und versuchte, ein bekanntes Gesicht ausfindig zu machen. Am hinteren Ende der Absperrung winkte eine Hand, die eindeutig zu Kofi gehörte, der die anderen Leute um einen ganzen Kopf überragte. Mein Kofi! Ich weiß nicht, wann ich mich zuletzt so über ein bekanntes Gesicht gefreut habe. Tonnen von Felsbrocken fielen mir polternd vom Herzen. Erleichtert und fröhlich lief ich auf ihn zu. Nach einer kurzen Umarmung, die er scheu erwiderte, nahm er meine Koffer und wir verließen das Flughafengebäude.

Auf dem Parkplatz herrschte ein heilloses Durcheinander. Die Szenerie wurde von Autoscheinwerfern beleuchtet und der Platz bestand, soweit ich es in der Dunkelheit erkennen konnte, aus Schlaglöchern und Wasserpfützen. Hier wartete das Taxi, das Kofi vor drei Stunden zum Flughafen gefahren hatte. Trotzdem machte der Fahrer immer noch einen heiteren Eindruck.

Nun sitze ich auf dem Rücksitz des Taxis und starre gebannt nach draußen in die Nacht. Kofi sitzt vorne neben dem Fahrer. Es gibt hier hinten keine Anschnallgurte, jedenfalls habe ich im Dunkeln keine ertasten können. In Ghana scheint es keinen TÜV zu geben, die Frontscheibe des Wagens ist geplatzt und das kaputte Tachometer zeigt nichts mehr an. Der Fahrer heizt durch die Nacht, ständig hupend. Menschen und Tiere springen hastig zur Seite. Ich muss mich kneifen. Träume ich nur oder bin ich wirklich in Afrika?

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