Ghana-Tagebuch Teil 3: Flug London – Accra

Seit 6,5 Stunden sitze ich im Flugzeug und es ist sterbenslangweilig. Hin und wieder bin ich aufgestanden, um mir die Beine zu vertreten und um mich umzusehen. Es sind nur wenige Weiße an Bord und zum ersten Mal erlebe ich den Umstand, mit meiner Hautfarbe aus der Rolle zu fallen. Die meisten Passagiere sehen nicht besonders glücklich aus. Ich kann es ihnen nicht verdenken, denn der Flug ist anstrengend. Alle machen einen grimmigen oder gelangweilten Eindruck und einige der Herren haben sogar während des Fluges eine Sonnenbrille auf der Nase, was ihnen ein perfekt mafiöses Erscheinungsbild gibt.

Ich hatte mir einen Fensterplatz reserviert, weil ich Afrika unbedingt aus der Flugzeugperspektive sehen wollte. Es muss überwältigend sein, die verschiedenen Landschaften aus dieser Höhe zu betrachten, die Sahara oder vielleicht auch einen tropischen Urwald zu erblicken. Doch leider verhüllt Mama Afrika ihr Antlitz hinter feinen Schleierwolken und seit Stunden ist nichts zu sehen außer weißer Dunst.

Einzig die beiden Passagiere neben mir retteten mich über die letzten sechs Stunden. Die ältere Dame zu meiner Linken erzählte mir ihre gesamte Familiengeschichte. Mein schriftliches Englisch ist ganz gut, aber mein Hörverständnis lässt zu wünschen. Daher habe ich fleißig genickt, aber nur soviel verstanden, dass sie in Ghana lebt, ihre Tochter in Großbritannien, ihr Sohn in den USA und ein Neffe in Deutschland. Außerdem warnte sich mich davor, mich in Accra allein auf den Weg zu machen. Es sei zu unsicher und gefährlich ohne Begleitung. Ich versicherte ihr, dass ich vom Flughafen abgeholt werde und das alles in Ordnung sei. Hoffentlich ist Kofi wirklich am Flughafen. Was mache ich nur, wenn ich ihn nicht finde?

Neben der Dame, direkt am Gang, sitzt ein Jude. Er ist so auffällig mit den Troddeln an der traditioneller Kleidung, Hut, Bart und einer Thora in der Hand, dass ich meinen Blick kaum von ihm abwenden kann. Ihn verstehe ich auch nicht. Er erzählte mir, dass er der eigentliche Eigentümer dieses Flugzeugs sei und das er neben uns in der Holzklasse sitze, weil es ihm Spaß bringe, sich unter die Passagiere zu mischen. Ich glaube, das Problem ist mein verkorkstes Hörverständnis, denn draußen auf dem Flugzeug ist der Schriftzug „Britisch Airways“ angebracht.

Jetzt ist es soweit! 20:20 Uhr Ortszeit und wir müssen uns anschnallen. Das Flugzeug setzt zur Landung an. Draußen ist es bereits dunkel. Wir durchbrechen die Wolkendecke, die darunterliegende Welt hüllt sich in feinem Nieselregen. Accra taucht vor meinen Augen auf.

Der Anblick ist überwältigend: Ein wunderschöner, funkelnder Streuselkuchen aus gelben und weißen Lichtern breitet sich vor meinen Augen aus. Ich sehe keine Straßen, keine Autos, keine Häuserzüge – nur Millionen von Lichtflecken, die sich bis zum Horizont erstrecken, völlig ohne erkennbare Strukturen. Innerhalb dieses Streuselkuchens sind unregelmäßige Gebiete in totale Finsternis getaucht. Diese großen schwarzen Flecke sind mir unheimlich. Was mag dort sein? Ich kann mich nicht satt sehen an dem großartigen Schauspiel aus Licht und Schatten, viel zu schnell kommt die Landebahn in Sicht und das Flugzeug setzt ohne Problem auf die regennasse Rollbahn auf.

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