Ghana-Tagebuch Teil 8: Der erste Morgen

Ich höre Geschrei und schrille weibliche Stimmen, die in Not zu sein scheinen! Was ist das, wo bin ich? Ich versuche meine Augen zu öffnen, aber diese sind geschwollen und ich kann kaum etwas erkennen. Ich liege auf einem Bett, das Zimmer um mich herum ist hell erleuchtet und der Lärm ganz nah. Ach ja….ich bin irgendwo in Afrika.
Mist, blöde Klimaanlage..
Natürlich ist die Klimaanlage schuld an meinen geschwollenen Augen, ich reagiere allergisch auf irgendetwas von dem, was dieses Gerät in die Luft pustet. Kofi liegt eingerollt und tief schlafend auf der Couch. Das Geschrei kommt aus dem Fernseher, auf dessen Bildschirm sich zwei Frauen fast an die Kehle gehen. Ich sehe auf meine Uhr. Es ist 3 Uhr nachts. Wie kann Kofi bei diesem Licht und dem Lärm bloß schlafen? Ich rolle mich aus dem Bett und mache alles aus: die Klimaanlage, den Fernseher und das Licht. Zurück im Bett döse ich noch ein paar Stunden bis zum Morgen.

Pünktlich um 6:30 Uhr geht draußen das Tageslicht an und ich höre Vogelgezwitscher. Ich mache mich für den Tag fertig. Die Fenster lassen das Licht nur spärlich durch, es sind kleine Luken, die sich durch eine starre, lamellenartige Konstruktion öffnen lassen. Von außen sind die Fensterchen zusätzlich noch vergittert, es passt nicht einmal eine Hand hindurch. Die Lamellen lassen sich öffnen und frische Morgenluft strömt herein, die ich tief einatme. Das tut gut! Ich versuche, durch die Schlitze der Lamellen etwas zu erkennen,  sehe aber nur die weiße Mauer, die das Gebäude umfasst. Oben auf der Mauer ist gerollter Stacheldraht befestigt.

Als nächstes inspiziere ich den Wandschrank, der mir letzte Nacht einen so großen Schrecken eingejagt hatte. Er riecht immer noch muffig, ist riesig und das Holz scheint feucht zu sein. Aber sonst kann ich nichts entdecken. Trotzdem – das unangenehme Gefühl von letzter Nacht schwingt immer noch nach. Meine Wäsche wird also bis zum Ende der Reise im Koffer verbleiben.

Kofi ist durch mein geschäftiges Treiben wach geworden, er bestellt Frühstück und kurze Zeit später klopft ein junger Mann, der zwei Tabletts auf den Händen balanciert. Auf dem einen sind zwei Omeletts angerichtet, gebacken mit kleinen Paprikastreifen und Zwiebeln. Dazu gibt es je eine Scheibe getoastetes Weißbrot. Das Omelett ist extrem lecker, nur die Portion ist sehr klein. Auf dem zweiten Tablett steht eine Thermoskanne mit heißem Wasser, Tassen, einen Teebeutel mit Lipton Tea für Kofi und eine kleine Tüte Instant-Nescafé für mich. Ich glaube, die nächsten Wochen werde ich meinen morgendlichen Liter Bohnenkaffee am meisten vermissen.

Nachdem mein Körper die bescheidene Dosis Koffein gierig aufgesogen hat, besprechen wir, was wir heute unternehmen werden. Als erstes möchte ich mein Geld wechseln und danach will Kofi mich seiner Familie vorstellen. Am Nachmittag werden wir Bismark besuchen, einen Internet-Freund, der nicht weiß, dass ich in Accra bin. Kofi kennt ihn persönlich und weiß wo er wohnt. Bismark ist ein netter Mensch und Klempner von Beruf. Er ist ein stolzer und guter Handwerker und schickt mir öfter Bilder von seinen Arbeiten, um mir zu imponieren. Obwohl ich ihn mag, ist es manchmal etwas lästig, dass er sich online auf alles wirft, was weiblich und mit weißer Hautfarbe ausgestattet ist. Allerdings ist sein schriftliches Englisch so schlecht, dass jede europäische Frau sowieso von vorneherein abgeschreckt wird. Mir hatte er mal erklärt, dass er händeringend so eine europäische Frau sucht, weil die einheimischen Frauen alle nicht das Richtige für ihn seien. Ich bin gespannt, wie Bismark reagieren wird, wenn er mich leibhaftig vor sich sieht. Bestimmt fällt er aus allen Wolken. Das wird sicher lustig!

Kaum haben wir die Mauern des Gästehauses verlassen, tauche ich in eine mir unbekannte Welt ein, die aber im Gegensatz zu letzter Nacht überhaupt nicht mehr furchteinflößend ist. Das Straßenbild fasziniert mich, überall sind Menschen unterwegs. Die Frauen aber auch die Männer tragen ihre Lasten auf dem Kopf, niemand hat Einkaufstüten oder Taschen in der Hand. Das sollte ich zuhause vielleicht auch mal ausprobieren und meine Aldi-Einkäufe auf dem Kopf nach Hause tragen, statt mir mit dem schweren Korb und den Getränken einen Bruch zu heben, wie erst vor einigen Wochen beinahe passiert, als mein Auto kaputt ging und ich alles zu Fuß erledigen musste.

Accras Straßen sind in einem katastrophalen Zustand und der Verkehr unglaublich. Kein Mensch hält sich an irgendwelche Verkehrsregeln, alle fahren kreuz und quer und in meinen Augen sind alle Verkehrsteilnehmer extrem rücksichtslos. Ich habe mir einen internationalen Führerschein besorgt, weil ich gerne ein Auto mieten möchte. Ich glaube, ich nehme lieber Abstand von diesem Vorhaben.

Kofi winkt ein Taxi herbei, das genauso klapperig aussieht wie jenes, das uns gestern vom Flughafen zum Gästehaus brachte. Unsere erste Station an diesem Morgen ist das Geldwechsel-Büro, ein kleines, niedriges Gebäude, gesichert mit dicken Mauern und Gitterstäben. Ein Security Mann steht außen an der Tür. Ich habe 500 Euro dabei, die ich in Ghanaische Cedis wechseln möchte. Die Geldscheine gebe ich Kofi, der sie durch eine Schublade an eine Frau weiterreicht, die hinter einem kleinen Fenster aus Panzerglas sitzt. Ich weiß nicht warum, aber Kofi wirkt auf einmal angespannt und sein Lächeln, das den ganzen Morgen auf seinem Gesicht festgetackert zu sein schien, ist nun verschwunden. Er hat einen Taschenrechner dabei. Komisch. Läuft man hier immer mit einem Taschenrechner rum? Anhand des an der Wand angeschlagenen Wechselkursbetrags rechnet er die Euro in Ghanaische Cedis um. Das macht er dreimal. Auch die Frau braucht lange. Erst jagt sie die 500 Euro viermal durch die Geldzählmaschine, dann zählt sie den entsprechenden Betrag in Cedi-Scheinen ab und jagt diese auch noch dreimal durch die Maschine, bevor sie den Batzen an Kofi aushändigt. Dieser zählt mit todernster Miene den Stapel Scheine zweimal durch, gibt ihn an mir weiter und auch ich zähle noch einmal.

Im Taxi kehrt das Grinsen in Kofis Gesicht zurück und auch ich muss schmunzeln. Vermutlich hätte man versucht, mich über’s Ohr zu hauen, wenn ich allein in das Wechselbüro gegangen wäre.

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