Ich bin ein Idiot | VICE

Oh je. Die Geschichte von einem, der nach Nigeria flog, um Papiere zu unterschreiben und um eine Million Dollar zu erhalten. Sehr lesenswert. Gefunden auf

http://www.vice.com/de/read/ich-bin-ein-idiot-0000617-v9n12

Inzwischen kennt jeder die „419-Scams“, auch bekannt als Vorschussbetrug oder Nigeria-Scam. Hierbei geben sich anonyme Abzocker als korrupte afrikanische Regierungsmitglieder oder Flüchtlinge im Exil aus, die riesige Geldmengen auf ausländische Konten überweisen wollen. Sie verschicken Aufforderungen an Tausende von E-Mail-Adressen, die im Verteiler unterdrückt sind, und das eine oder andere gutgläubige Opfer lässt sich darauf ein, seine Bankdaten preiszugeben. Es gibt verschiedene Varianten dieser Betrügerei, aber die meisten Leute, die nicht allzu naiv sind, löschen sie sofort, wenn sie so eine E-Mail in ihrem Posteingang entdecken. 2003 aber war diese Praxis noch nicht sehr bekannt, und einen Freund meines Vaters hat es so richtig erwischt. Als Laurent (Name geändert)—damals 42 Jahre alt, und als Verkäufer bei einem Pharmakonzern auf Réunion tätig, dem französischen Überseestaat im Indischen Ozean—das Angebot bekam, zwecks Geldwäsche die Summe von einer Million Dollar von einem eingefrorenen nigerianischen Bankkonto auf sein eigenes überwiesen zu bekommen, war er begeistert. Seine eigenen Geldprobleme wären damit auf einen Schlag gelöst worden. Stattdessen fand er sich am Ende ramponiert und verprügelt allein in einem fremden Land wieder. Vor Kurzem habe ich mich mit ihm unterhalten, um herauszufinden, was eigentlich genau geschehen war.

Vor etwa zehn Jahren spielte ich zu Hause Schach auf dem Computer, als plötzlich die E-Mail eines Menschen in meinem Posteingang landete, der sich als Gouverneur von Lagos in Nigeria ausgab. Es klang dringend, also habe ich die E-Mail sofort gelesen, und zwar gleich mehrmals hintereinander. Ich traute meinen Augen nicht. Ich kann mich nicht an den genauen Wortlaut erinnern, aber im Großen und Ganzen ging es darum, dass der Gouverneur des Wahlkreises von Westlagos, Bola Tinubu, etwa eine Million Dollar auf einem geheimen Bankkonto angelegt habe, um keine Steuern zahlen zu müssen. Die Summe sei aus öffentlichen Geldern zusammenge­stohlen und die Familie Tinubu könne es nicht nutzen, weil sie von der Regierung überwacht würde.

Deshalb brauchten sie einen Ausländer, der nach Lagos kommen, das Geld vom Konto abheben und auf ein Schweizer Bankkonto einzahlen sollte. Und da kam ich ins Spiel. Wenn ich 1300 Dollar in bar an eine Adresse in Lagos schicken würde, würden sie mir ein Zimmer in einem Luxushotel buchen und ich könnte nach Lagos reisen, um nur noch ein paar Papiere zu unterschreiben, die ein Anwalt vorbereiten würde, der für seine Mühe weitere 1300 Dollar verlangte. Schließlich würde ich fünf Prozent der einen Million erhalten.

Es war das erste Mal, dass ich eine solche E-Mail bekommen hatte. Sie enthielt Grammatikfehler, aber ich dachte, das läge bloß daran, dass der Mann, der sie geschrieben hatte, kein Franzose war. Und Bola Tinubu war tatsächlich ein nigerianischer Politiker, der Westlagos regierte. Das war der einzige Teil der E-Mail, der der Wahrheit entsprach.

Damals hatte ich Schulden und brauchte dringend Geld. Ich hatte mehrere unangenehme Entlassungen hinter mir, und auch mein derzeitiger Job im Pharmakonzern war nicht mehr allzu sicher. Da kam mir der nigerianische Deal gerade recht. Nach Abzug der Kosten für das Flugticket und der 2600 Dollar, die meine nigerianischen Partner verlangten, würden mir noch 40.000 Dollar bleiben. Außerdem konnte ich ein paar Tage Urlaub in Nigeria machen. Mir ist klar, wie dämlich das heute klingt (und dass man es deutlich als Betrug hätte erkennen können), aber damals wusste ich nur, dass die herrschende Klasse von Nigeria ziemlich korrupt war. Und obwohl ich die Möglichkeit in Betracht zog, dass die in der E-Mail beschriebene Situation komplett erfunden war, hielt ich sie doch für glaubhaft.

Einen Monat lang fühlte ich meinen nigerianischen Partnern auf den Zahn. Wir schickten etwa zehn E-Mails hin und her, bis ich davon überzeugt war, dass sie es ehrlich meinten. Wahrscheinlich wollte ich einfach daran glauben. Ich bin abergläubisch, also entschied ich eines Abends beim Kartenspiel: Wenn ich mit einem Herzblatt und weniger als 15 Punkten gewinne, mache ich’s. Mit so wenig Punkten hatte ich noch nie gewonnen, und als ich dann mit nur elf Punkten gewann, dachte ich, das wäre ein Wink des Schicksals, und kaufte mir ein Flugticket. Ich erzählte niemandem von meinen Plänen, nicht einmal meiner Frau, denn sie wusste gar nicht, wie schlecht unsere finanzielle Situation inzwischen war. Ich erzählte es nur einem Freund, mit dem ich früher öfter mal trinken war. Bei ihm war mein Geheimnis sicher. Außerdem musste er mir das Geld für das Ticket leihen.

Familie und Freunden erzählte ich, ich müsse nach Nigeria, um einen Vertrag über den Verkauf von Insulinpumpen auszuhandeln, was aufgrund meines Jobs glaubhaft war. Meine Freunde freuten sich, dass man mir eine so wichtige Aufgabe übertragen hatte, und meine Frau war stolz über meine Beförderung. Ich schickte den Nigerianern die 1300 Dollar in bar und stieg ins Flugzeug nach Lagos.

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